Der Gelbe Pullover

29. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Herr Gause hat sich gerade einen gelben Pullover übergezogen und läuft nun in der Herrenbekleidungsabteilung eines großen Kaufhauses an jedem Spiegel vorbei, den er finden kann. Als er wieder zurück kommt, sieht er, wie der ihm unbekannte Herr Stengel in der Umkleidekabine, die just von ihm benutzt wurde, die Unterhose, die Herr Gause für sich ausgesucht hatte, in der Hand hält und ausführlich begutachet.

Gause, leicht verärgert aber noch sehr gefasst:
Wer sind sie und was machen sie mit meiner Unterhose?

Stengel äußerst schuldbewusst:
Ist das ihre? Ich mache gar nichts damit. Ich habe sie lediglich hier gefunden und dachte, jemand habe sie hier vergessen. Verzeihung, Stengel ist mein Name.

Gause:
Herr Stengel, ich habe gar nichts vergessen, ich habe nur einen gelben Pullover anprobiert und würde diese Kabine gerne weiter benutzen, wenn sie nichts dagegen haben.

Stengel:
Was soll ich denn dagegen haben, Herr…?

Gause:
Gause! Weiß ich nicht. Haben sie etwa auch in meine Tüte geschaut?

Stengel:
Nein, Herr Gause, habe ich nicht. Warum sollte ich denn in ihre Tüte schauen?

Gause:
Weiß ich nicht. Sie stehen ja auch in meiner Kabine, und da weiß ich auch nicht was das soll!

Stengel:
Ich habe lediglich nach einer freien Kabine geschaut und dachte, diese hier WÄRE frei. Ich wusste ja nicht, dass sie hier frei herumlaufen.

Gause:
…ich laufe hier nicht „frei“ herum sondern ich schaue, wie mir ein gelber Pullover steht.

Stengel:
Hier in der Kabine ist doch ein Spiegel.

Gause:
Aber mit dem bißchen Licht da drinnen kann man doch nichts sehen. Außerdem kommt so ein Kleidungsstück immer erst dann richtig zur Geltung, wenn man sich darin bewegt. Und dazu muss ich eben die Kabine verlassen.

Stengel:
Na dann ist es ja kein Wunder, wenn einer in ihre Kabine geht, wenn sie nicht da sind.

Gause:
Wieso nicht da‘, ich bin doch hier. Meine Sachen liegen doch auf dem Hocker.

Stengel:
Haben sie eigentlich keine Angst, das jemand kommt und ihre Sachen klaut?

Gause:
Wollten sie etwa meine Sachen klauen?

Stengel:
Natürlich nicht. Ich habe einfach nur nach einer freien Kabine gesucht und dachte, die Sachen hier hätte jemand liegen lassen und da hab ich sie mir einfach angeschaut.

Gause:
Das sind meine Sachen und jetzt gehen sie bitte aus meiner Kabine, damit ich meinen gelben Pullover ausziehen und bezahlen kann.

Frau Rasche läuft vorbei und bekommt Gauses letzten Satz mit.

Frau Rasche:
Wollen sie den wirlich kaufen?
zu Stengel
Hallo Herr Stengel.

Stengel:
Hallo Frau Rasche.

Gause:
Äh, ja. Warum denn nicht?

Frau Rasche:
Ach, gar nichts.
geht weiter

Gause,
genervt:
Kennen sie die Frau?

Stengel:
Das ist eine Nachbarin. Darf ich jetzt bitte mal vorbei. Sie lassen mich ja gar nicht aus der Kabine heraus.

Gause stark verunsichert:
Verzeihung.
geht zu Seite.
Sagen sie mal, wie finden sie den gelben Pullover?

Stengel:
Der, den sie anhaben?

Gause atmet genervt:
Ja.

Stengel:
Tja, er passt farblich überhaupt nicht zu ihrer Unterhose.

Frau Rasche eilt noch einmal aus der anderen Richtung herüber.

Gause:
Entschuldigung. Was hatten sie da eben noch gesagt, als sie… ?

Frau Rasche:
Mh? Ach, gar nichts.
geht weiter

Gause
ruft ziemlich verzweilfelt hinterher:
Aber sie meinten doch, der gelbe Pullover ist…

Stengel:
Also ich find‘ ihn schön. Wo haben sie den her?

Gause:
Von dem Stapel da drüben.
zeigt kurz auf einen Stapel verschiedenfarbiger Pullover, während er an sich runter schaut und
dann versucht, den gelben Pullover am Bauch glatt zu streichen.

Stengel:
Vielen Dank
visiert den Pulloverstapel an

Gause:
Moment mal. Den gelben Pullover kaufen sie aber nicht.

Stengel:
Na wie denn auch, den haben sie ja an.

Gause:
Da sind ja noch andere gelbe.

Stengel,
schaut richtung Stapel:
Oh, ja dann…

Gause:
Sie werden sich doch jetzt keinen gelben Pullover kaufen!

Stengel:
Ich kann doch wohl kaufen was ich will.

Gause:
Aber ICH kaufe doch schon den gelben Pullover:

Stengel:
Das ist mir doch egal. Sie haben doch eben noch gesagt,
dass da noch mehr gelbe Pullover wären.

Gause:
Ja, aber damit habe ich nicht gemeint, dass sie sich auch einen kaufen sollen.

Stengel:
Verzeihen sie, Herr Gause, aber ich glaube, ich kann hier kaufen was ich will.
Außerdem steht Ihnen der gelbe Pullover überhaupt nicht.

Gause:
Sie haben doch eben noch gesagt, sie fänden ihn schön.

Stengel:
Ja an mir, aber nicht an ihnen. Die Farbe passt einfach nicht zu ihrem Gesicht.

Frau Rasche geht abermals vorüber:
Da hat er allerdings recht.

Stengel:
Danke, Frau Rasche.

Frau Rasche geht augenzwinkernd weiter.

Gause,
verunsichert und verärgert:
Na schön. Dann kaufe ich ihn eben nicht.

Gause geht in die Kabine und zieht den Vorhang zu. Stengel bleibt vor der Kabine stehen.

Stengel:
Welche Größe haben sie, Herr Gause?

Gause,
hinter dem Vorhang:
Das geht sie gar nichts an. Suchen sie sich gefälligst einen eigenen Gelben Pullover.

Frau Rasche geht mit einem Stapel T-Shirts vorbei.

Frau Rasche,
halb flüsternd zu Stengel:
Ich finde ja, das ihnen Gelb sehr gut stehen würde.

Stengel,
zu Frau Rasche:
Dann nehme ich einen.

Frau Rasche:
Oh, ich arbeite hier nicht.

Stengel:
Nein? Das hatte ich jetzt tatsächlich angenommen.

Frau Rasche:
Ach, das ist ja komisch… Neinnein, ich bin hier nur
zum Probieren mit meinem Sohn. Aber ich, hier arbeiten..?

beide lachen miteinander

Frau Rasche:
Aber ich glaube, die gelben Pullover sind ausverkauft.

Stengel,
bedauernt:
Oh!

Gause ruft aus der Kabine:
Meinen kriegen sie nicht!

Stengel:
Aber sie wollten ihn doch nicht.

Aus den Kabinen von gegenüber ruft ein genervter Junge:
Mama! Wo bleibst du denn?

Frau Rasche eilt zu dem jungen.

Gause:
Aber jetzt will ich ihn wieder und es ist mir egal, was sie oder ihre Frau Nachbarin glauben oder glaubt, ob mir gelb steht oder nicht!

Stengel:
Was kostet denn der Pullover?

Gause:
Mh!

Der Vorhang bewegt sich, Gause murmelt etwas vor sich hin.

Gause, mit dem gelben Pullover in der Hand, während er den Vorhang hastig aufzieht:
Er kostet einhundertneunundvierzig Mark!

Stengel:
Sie meinen Euro!

Gause:
Genau! Einhundertneunundvierzig Euro. Soviel kostet der Pullover.

Frau Rasche läuft mit zwei Hosen über den Arm geschlagen vorbei, das Gespräch weiterverfolgend:
Schnäppchen oder? Der hat mal dreihundert Euro gekostet.

Gause:
Dreihundert Euro für eine Pullover?

Frau Rasche:
Ja, selbst für dreihundert war er noch günstig. Aber bei dem Preis muß man einfach zuschlagen.

Frau Rasche eilt wieder zu ihrem Sohn.

Stengel:
Ich nehme ihn. Geben sie her.

Gause:
Nein. Den kaufe ich. Das wird meiner! Sie müssen sich schon einen eigenen Pullover suchen. Davon gibt es hier jawohl genug. Ich wünsche trotzdem einen schönen Tag.

Gause eilt mit seiner Tüte, der Unterhose und dem gelben Pullover zur Kassenschlange.

Eine Frau vor ihm in der Schlange dreht sich kurz um
und schaut etwas ungläubig auf seine Sachen. Dann schaut sie noch etwas genauer

Frau,
wirkt sehr heiter:
Ach, das ist eine Unterhose. Ich dachte schon, dieses grässliche
Muster sei in den schönen gelben Pullover reingearbeitet.

Gause:
Das ist meine Sache. Es sind ja dann auch meine Sachen, also ist es meine Sache.

Frau:
Ich sag ja nur… Ich glaube, dass ihnen ein roter Pullover vielleicht sogar besser stehen würde. Für Gelb sind sie ein bißchen zu…

Die Unbekannte Frau wird unterbrochen von Stengel, der sich hinter Gause in die Kassenschlange einreiht. Auf dem Arm hat er einen roten Pullover.

Stengel:
So, ich habe mich dann auch entschieden.

Gause:
Oh. Na das ging aber schnell.

Die Frau wendet sich beleidigt ab.
Die Kassenschlange rückt einen vor.

Stengel:
Ja, ich hatte ja auch eine gute Beratung.

Gause:
Diese Frau arbeitet ja nicht einmal hier.

Kassenschlange rückt einen vor.

Stengel:
Also dann ist ihr Rat doch umso wertvoller. Meinen sie nicht?

Gause:
Nein.

Während die Frau an den Tresen tritt um ihre Einkäufe zu bezahlen,
wird neben ihr eine weitere Kasse eröffnet.

Kassierer:
Bitte kommen sie auch zu mir zum bezahlen.

Frau,
zu Gause:
Ich finde ja, das der rote Pullover von dem Herrn dort ihnen auch gut stehen würde.

Gause macht eine hastigen Schritt zum Kassentresen, als wolle er jemandem zuvor kommen.

Gause:
Ich kaufe jetzt aber diesen Gelben. Und damit hat sich’s.

Stengel:
Der rote war ohnehin der letzte.

Kassierer:
Nur dieser gelbe Pullover?

Gause:
Nein nein, auch noch diese karierte Unterhose.

Kassierer:
Gerne… Am besten nicht zusammen tragen,
dann flüstert er mit einem lächeln
die passen nämlich überhaupt nicht zusammen.

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