Der Plattendreher (Fabians Plattenspieler)

4. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Garten sieht aus wie eine Kulisse aus einem Tim Burton-Film. Wie schrullige Skelette lassen die Bäume ihre dünnen Äste über das Gras hängen und nicken sich gegenseitig zu. Der Schnee in diesem Winter hat sie gebeugt. Das wundersame daran ist, dass sie mit ihren knöchernen Fingern alle auf ein und dieselbe Stelle zeigen. Als wollten sie mich an meine allerliebste Verflossene erinnern, deuten sie auf das Grab. Es ist doch verschlossen. Fast nichts mehr zu sehen. Lasst mich in Ruhe.

Die Stimme in meinem Kopf ist die von Alex Turner, Frontmann der Arctic Monkeys. Ich höre die Gitarre links, das Schlagzeug weiter hinten, den Bass mehr rechts. Der Gesang allerdings ist genau in der Mitte meines Schädels, wo sonst nur geflüstert wird. Die Stöpsel in meinen Ohren sind etwas unbequem. Sie verrutschen dauernd, so dass ich mal links, mal rechts leiser oder etwas lauter höre. Diese Dinger sind einfach scheiße. Auf der anderen Seite des Kabels befindet sich ein DER MP3-Player. Derjenige, von dem man so gerne spricht, von dem mittlerweile sogar in Büchern geschwärmt wird. Der IPod. Er liegt hier auf meinem Schreibtisch, direkt neben meinem Handy. Der IPod ist etwas flacher, ein wenig leichter, hat mehr Speicher. Und sieht gut aus. Meine Ex-Freundin trug ihn meistens beim Sex, während ich von meinem geliebten Schallplattenspieler angeheizt wurde. Außerdem verfügt der hübsche, kleine über einen Kalender und ich kann meine Kontakte und ein paar Notizen speichern. Nur zum Telefonieren oder für´n Foto muss ich noch mein Handy benutzen. Draußen zieht ein Sturm auf. Ich nehme mein Telefon und Fotografiere durch die Fenster. Wie ein Bekloppter laufe ich kreuz und quer durchs leere Haus. „I bet you look good on the dancefloor“, Wer braucht eigentlich so viele Fotos? Wer braucht eigentlich so viel Musik auf seinem IPod? Ich reiß mir die Stöpsel aus den Ohren und pfeffere das Ding zurück auf den Schreibtisch.

Der Sturm lässt schon langsam nach und fängt an, mich zu langweilen. Es blitzt gar nicht mehr, stattdessen gibt’s nur noch Regen. Davon gibt’s schon genug Fotos auf der Welt. Und ich hab das Gefühl, die hab ich alle ganz alleine geschossen. Was jetzt? Ich könnte ein neues Blog über Regen machen. Fabian´s Gespür für Regen. Oder ich glotz LCD und konsumiere die Digitale Programmvielfalt. Verblödungsmaschinen. Da bin ich super ausgestattet. Alles digital, baby. Mein DVD-Spieler liest alles, was man kriegen kann. Vom komprimierten Datenmüll bis hin zur hochauflösenden SACD im Multikanal-Format. Mein AV-Receiver, das Herzstück der Anlage wiegt 35 Kilo, hat 6587 Surround-Programme und ungefähr eine Million verschiedener Anschlüsse auf der Rückseite. Mein Sat-Receiver und Flachbildschirm sind digitaler als die Zukunft und waren teurer als mein erstes Auto. HDTV kann kommen. Das Gesicht von Olli Geißen kann gerne wieder gehen. Das Zappen macht leider keinen Spaß. Es läuft überall das gleiche und der Receiver braucht einfach zu lange beim Umschalten. Ich brauche dringend einen neuen. Der Regen ist mittlerweile wieder stärker geworden und prasselt noch einmal gegen meine Fenster. Jetzt vielleicht doch ein Regenblog? Ich bin so unentschlossen wie das Wetter. Ich brauche Musik. Nicht aus diesen lächerlichen Knopfdingern, wo das Ohrenschmalz dauernd kleben bleibt. Wozu habe ich diese sauteueren, viel zu großen Boxen? Ich höre ein wenig Jazz. Etwas schwermütig vielleicht, aber das Wetter bringt es halt mit sich. Und während ich so da sitze denke ich ein wenig nach.

Ich lebe hier wie in ’nem bescheuerten Werbespot. Draußen ist es kalt und nass, ich bin hier drin mit dem ganzen Kram und fühle mich angeblich wie mitten im Leben. Schmonsenz! Ich sollte nicht hier drin sein. Ich sollte da draußen stehen, im Garten, bei den Bäumen. Ich sollte graben wie ein Maulwurf, während die Zweige über meinem Kopf tanzen, und regenüberströmt das schaurige Grab wieder ausheben.
Da drin habe ich meinen Plattenspieler verschachert. Vor einigen Monaten schon, als meine Allerliebste sich böswillig von mir verabschiedet hat. Sie hätte ihn beinahe auf den Müll geworfen. So wurde er zu einem Geschenk von ihr, das war noch ganz am Anfang.
Und dann kauften wir einen LCD-Fernseher. Dann kam ein Notebook dazu. Und der IPod. Und diese hässliche Digital-Kaffee-Maschine. Eine Digital-Waage, natürlich der digitale Sat-Receiver und man bot uns sogar digitale Lautsprecher an. „Aber so was gibt’s ja gar nicht“, habe ich gesagt. Verkäufer und Herzallerliebste sahen mich böse an. Ich ließ es geschehen. Alles neu gekauft, weil wir modern sein wollten und viel besser als unsere befreundeten Paare. Und dann ist sie abgehauen.

Verliebt? Es war der Plattenspieler. Für sie war das nur ein überflüssiger Kropf. Sie sagte er wäre hässlich. Ich beruhigte ihn, streichelte seinen Arm. Für sie war das Ding auch mal modern. Sie hat ihn geliebt, als sie ein Teenager war. Aber jetzt sei sie erwachsen, meinte sie. Falsche Möpse, dachte ich, sie lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Ich war verknallt in den Plattenspieler, den die blöde Kuh eigentlich wegwerfen wollte.
Sie hatte perfekte Brüste, er hatte den Charme. Und ich hatte sie beide. Als sie ging, flog das ganze Bild auseinander. Der charmante Kasten war das einzige in der Wohnung, zu dem ich noch menschlichen Kontakt hatte. Manchmal muss man sich selbst Leid zufügen, um die Dinge besser zu verstehen. Ich wusste es nicht besser, also musste auch er verschwinden, in einer Nacht und Nebel Aktion, unter Androhung meines Nachbarn die Polizei zu rufen. „Hör auf zu buddeln, du Idiot. Es ist 3 Uhr!“ Tränenüberströmt rief ich ihm zu: „Meine Freundin hat mich verlassen. Ist mir egal, was du machst“. Da gab er Ruhe.

Es ist an der Zeit, den Plattenspieler wieder auszugraben. Die Möpse sind weg. Zeit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ich werde ihn diesmal mit den Kollegen aus der Digitalen Proll-Parade aus dem Wohnzimmer bekannt machen und anschließen. Vielleicht können die noch was von ihm lernen. Im Keller wartet eine Digital-Schaufel auf mich. Die hab ich mir vorgestern gekauft. Sie misst beim Schaufeln die Bodendichte, Eintrittstiefe und Winkel. Auf auf!

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