Das akrobatische Gehirn

4. Dezember 2008 § Ein Kommentar

Man ist bemüht deutlich zu sprechen, da man offensichtlich auch sehr bemüht ist, deutlich zu denken. Wir wollen ja nichts…falsches denken, denn wenn man erstmal von der einen Denkspur im Kopf abgekommen ist, wird es schwierig sie wieder zu finden. Und dann fallen einem die Fragen nicht mehr ein, die man stellen wollte und dann muß man wieder von vorne anfangen. Ein guter Trick dabei, um einen überblick bei den vielen, vielen Gedanken in einem normaldeutschen Kopf zu behalten, denn, „ist obama gut oder vielleicht schlecht, bin ich mehr links oder mitte und war ich neulich im Gespräch mit meiner polnischen Putzfrau zu sehr rechts, finden mich die anderen doof oder soll ich ihnen ein Gespräch über deutsche Feinkostkultur aufzwingen oder wie schlecht die qualität des Fernsehens doch geworden ist, finde ich Konsumgutscheine toll oder lese ich erstmal im Stern oder in der Bildzeitung was ich denken soll“, jedenfalls ein wirklich guter Trick sich nicht verwirren zu lassen ist, einfach viel viel langsamer zu denken, als es die Zeit einem überhaupt ermöglicht. Und was wirklich über allem Maße hilft ist, die Gedanken klar und deutlich auszusprechen. Langsam reden, sich von den Sekunden überholen, gar überrunden zu lassen, das ist die Kunst. Ersteinmal muß alles genau ausgearbeitet werden. Wie zum Beispiel, die Klamotten für Dezember bereits im Januar heraus zu legen. Denn dann ist noch Winter, man kann also genau nachempfinden, wie’s in elf Monaten sein wird. Im Sommer wäre es längst zu spät.

Natürlich ist das gesamte Gehirn in Alarmbereitschaft, wenn man es zur Kommunikation mit einem fremden Wesen zwingt. Was der da sagt, muß ja erstmal ins Gehirn und dort geordnet werden. Manche sagen, wenn einer Vorträge über Drogen hält, sollte er zumindest schon einige ausprobiert haben. Wenn man übers Autofahren spricht, wäre es nicht schlecht den Führerschein bereits gemacht zu haben und wenn man Schwein ißt, sollte man mindestens eins mit eigenen Händen umgebracht und zerstückelt haben. Um also wirklich zu verstehen, was da gerade aus dem Mund des Sprachpartners herausgepoltert kam (man möge ihm natürlich verzeihen für seine Ausdrucksweise, pöh), spricht man den Satz einfach komplett nach, schon weiß man wie es ist zu sagen, was der da gerade gesagt hat.

Man formuliert also nicht nur den eigenen Gedanken aus, sondern auch den des Gegenübers. Zu wiederholen, was der Gesprächspartner da gerade gesagt hat, natürlich in der professionellen Geschwindigkeit des professionellen Denkers sorgt immer für Klarheit und räumt alle Missverständnisse aus dem Weg. Wer diese Art der Kommunikation gut beherscht, braucht nicht einmal mehr die ganzen Sätze nach zu sprechen. Die letzten Silben sind vollkommen ausreichend. Die Menschen lieben diese Art von Kommunikation. Man hört gern seine Sätze kurz nachdem sie ausgesprochen sind noch einmal, am besten noch als Frage umformuliert, so dass man die Chance erhält, sich selbst noch einmal zu zustimmen. Respekt vor jedem, dessen Satzwiederholungen so langsam und detailreich ausformuliert sind, dass man der Sonne am Himmel beim endzeitartigen erlöschen zuschauen kann. Dies ist die perfekte Kontrolle des Gehirns. Wie ein Artist im Zirkus, der mit perfekter Körperbeherschung, Gelassenheit und Zeit einen Seiltanzakt vollzieht, vor dem jeder unkonzentrierte Hektiksklave seinen Schlapphut zieht.

Sie sind die Gehirnakrobaten unter den Menschen. Sie sprechen langsam, sie sprechen alles doppelt und dreifach aus und sie vollenden deine Sätze, nachdem du sie selbst vollendet hast. Sie sind überall. Und sie kommen wieder.

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§ Eine Antwort auf Das akrobatische Gehirn

  • moggadodde sagt:

    Au, das muss ich morgen nochmal lesen. Auf Akrobatik ist mein Gehirn nämlich gerade gar nicht eingestellt …
    Ich komme wieder und: Schön, dass du endlich wieder heim gefunden hast😀

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