Klapsmühle

17. April 2008 § 4 Kommentare

Ein Radiowecker ist ein hochkompliziertes Stück ausgeklügelter Technik am Kopfende eines Bettes. Einer Neuanschaffung eines dieser technischen Wunderwerke geht grundsätzlich immer ausführliche Recherche voraus.

Mein Kunde braucht Hilfe, sagt er und ich glaube ihm sofort. Er möchte morgens geweckt werden. Am liebsten mit Musik aus dem Radio, soviel steht fest. Ob ich da was für ihn hätte. Ich geleite ihn zu den zweihundert Radioweckern in der eigens für sie eingerichteten Abteilung und versuche so etwas wie eine Bedarfsermittlung. Wecken soll er. Mehr nicht. Das das mal klar ist. Mir ist das so klar, wie die Diätbrühe meiner fetten Kollegin Arabella, der man, um die Behindertenquote in unserem Haus zu erfüllen ein eigenes, ihr entsprechendesKassenhäuschen gebaut hat. Aus dem Standard-Häuschen kam sie auf üblichem Weg zuletzt nicht mehr hinaus.

Ich zeige einen einfachen Radiowecker für 29,99. Mein Kunde fragt vollkommen witzlos: „Ja kann der denn auch den Morgenkaffee kochen?“ Ja, das kann er. Und mit der Einstellungserweiterung „Sleep Deep“ kriegen sie am Abend kurz vor dem Einschlafen noch kräftig einen geblasen. Für Junggesellen oder diejenigen, die es werden wollen. Also, festgestellt dass der Kunde nicht viel ausgeben will und zack, da ist ja noch einer für 19,95. „Aber warum kostet der andere denn soviel, wenn dieser hier auch wecken kann?“ Tja, möchte ich sagen, dem fehlt eben die begehrte „Sleep Deep“ Einstellung. Tatsächlich kann man bei dem billigeren keine Sender einprogrammieren. „Aber wecken kann der doch auch, oder?“ Das ist eine großartige Frage. Kann ein Radiowecker wecken? Ja, er kann. „Und was ist mit dem hier, für 5, 99? Kann der auch wecken?“ Ja mein Schatz, er kann auch. „Warum kauft man sich denn so einen teuren, wenn die billigen sowas auch können?“ Ich denke an „Sleep Deep“ und das er wohl noch nie in seinem Leben einen geblasen bekommen hat. „Gibt halt unterschiedliche Zielgruppen“, sage ich freundlich, zuvorkommend und mit einem Lächeln auf den Lippen. „Und was ist mit dem da?“ Sein Finger zeigt auf ein Modell der oberen Klassen. Dieses gottverdammte, heiße Superbaby aus dem glühenden Schlund der Hölle hat einfach alles: Fünf einstellbare Weckzeiten für den üblichen Mormonen haushalt (das Gerät stammt von einer Firma aus Utah), einen Leistungsverstärker mit 300 Watt, zwei dicke Basslautsprecher im Koaxialen Aufbau mit integrierten Hochtönern aus Mylar in einem Titangehäuse, CD-Player, Radio mit automatischem Suchlauf und 1000 Senderspeicher für 7 verschiedene Frequenzbänder, automatische Zeiteinstellung per Funksignal, dimm bare Displaybeleuchtung, schrittweise Lautstärkeerhöhung sowohl bei Radio als auch bei CD-Wiedergabe und den 50 integrierten Naturgeräuschen, und wenn man lieb ist, haucht er einem am Morgen frischen Pfefferminzduft in die Nase. 1500 Euro!

Der „normale Hausgebrauch“ kommt ins Spiel. Naja, wir verkaufen keine Profi-Radiowecker. Nur vielleicht etwas überkandidelte Geräte für die „normalere“ Zielgruppe und ihren ganz eigenen Hausgebrauch. Normaler Hausgebrauch bedeutet im Allgemeinen: Nicht teuer. Aber neugierig sind sie trotzdem alle. Der Finger wandert weiter. Und der? Und der? Und der…? 198 Radiowecker und 396 Minuten später landen wir wieder bei dem für 5,99. Der ist aber auch gut. Und wecken kann der auch. Und zu teuer ist der auch nicht. Für den normalen Hausgebrauch eben. „Ich weiß nicht“, sagt er, „vielleicht sollte ich nochmal ’ne Nacht darüber schlafen.“ Meine Hände wandern vorsichtig aber bestimmt an seine Gurgel, wo ich ihn unter den Anfeuerungsrufen meiner wartenden Kundschaft langsam die Luft abdrehe, und zwar genauso langsam, wie er mir soeben meinen Lebenswillen ausgesaugt hat. „Du nimmst jetzt das verdammte Ding, oder du kommst hier nicht mehr lebend raus!“ Wie ich ihn los lasse, schnappt er sich einen dieser Schrottwecker und rennt damit um sein Leben, zur dicken Arabella, die sich aus Versehen in ihrer letzten Pause eine komplette Tafel Schokolade in ihre Bluse gerieben hat. Sie lächelt ihn fröhlich an. Arabella und ich wissen, was unser Kunde nicht weiß. Was niemand unserer Kunden auch nur erahnen würde: Der Radiowecker, für den er im Begriff ist 5,99 zu bezahlen ist gerade mal 30 Cent wert. Doch das wird für immer unser Geheimnis bleiben, bis wir uns an billigen Radioweckern dumm und dämlich verdient haben und uns in der Klapsmühle eine Luxussuite leisten können um dort bis zum Ende unserer Tage hinter verschlossenen Türen bei hübschen Naturgeräuschen aus dem 1500 Euro Radiowecker genüsslich unsere in Diätbrühe getauchte Schokolade genießen.

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