Zuflucht

16. April 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Geweckt von polternden Müllmännern an einem regnerischen Tag liege ich eine Weile mit offenen Augen ganz allein im Bett und leide genüsslich unter Kopfschmerzen. Das späte zu Bett gehen hat sich über die Jahre doch nicht bewährt. Dem Schlafrhythmus, den ich wollte, ließ sich der Körper nicht unterwerfen und hinter mir liegen nun Jahre voller Streit zwischen Geist und Fleisch. Jetzt, wo das Fleisch an reife stark zugenommen hat, macht es seinen Anspruch geltend. Die Rechte Hälfte meines Kopfes zischt mit jedem Wimpernschlag und das Geräuschvolle Treiben in meinem Badezimmer lässt mich so sehr zucken, dass ich unter den Schmerzen laut schreien könnte, tu es aber nicht. Die Tür des Schlafzimmers öffnet sich ganz plötzlich, ich knipse den Fernseher an und meine Freundin stöpselt ihr Glatteisen in die nächstgelegene Steckdose. Während ich von einem Kanal zum anderen springe, hält sie einen halbstündigen Monolog über die Widerspenstigkeit ihres Haars. Dann stellt Olli Geißen ein paar fettleibige und von der Natur vergessene Gestalten vor. Meine Freundin ruft „STOP!“. Olli Geißen ist einer von dreien im Deutschen Fernsehen, dem ich vollkommen unverschämt mein Gemächt präsentieren würde, um ihm mit ordentlichem Druck gezielt in die Fresse zu Pissen. Die anderen beiden findet meine Freundin auch gut. Olli fragt mich, warum ich so schlecht gelaunt bin. „Ich hatte einfach zu wenig Kaffee, heute, “ sage ich und einer aus dem Publikum möchte nun über Kaffee als Droge diskutieren, und ob ich mir über die Gefahr des Kaffeetrinkens denn gar nicht bewusst sei. Meine Freundin biegt ihr Glatteisen zu einem Bumerang und schaltet den Schwachkopf mit einem gezielten Wurf aus. Dann höre ich den zweiten Teil ihres Haarmonologs, diesmal aus dem Badezimmer. Der Fernseher ist längst wieder ausgeschaltet. Ich Quäle mich aus dem Bett, ziehe die Jalousien hoch und genieße kurz die frische Luft. Nicht nur mein Kopf, die ganze rechte Seite meines Körpers kämpft gegen mich an. Ich weiß nicht, was sie will. Schlafen möchte sie nicht mehr, aufstehen noch weniger, oder vielleicht liegt es einfach an der Endlos gewordenen Serie von Haaranekdoten, die mir beinahe jeden Morgen geboten werden. Mein Körper scheint zu resignieren und da, ganz Plötzlich bin ich wieder eins mit ihm. Aufs Klo muss ich und frage, wie lange sie noch braucht. Muss ich groß oder klein, werde ich gefragt. Was das für eine Rolle spielt, frage ich. Ein weiterer Monolog folgt, über die Planung des gesamtmorgendlichen Ablaufs: Wenn ich groß müsse, würde sie die Zeit nutzen, einen Tee zu kochen und den Frühstückstisch zu decken. Sie würde eine Dreiviertelstunde einplanen, schließlich nehme ich mir jedesmal ordentlich Zeit und das Bad müsse nach dem großen Geschäft ja auch noch ein paar Minuten belüftet werden, und in diesem Falle soll ich bloß nicht vergessen, das Fenster zu öffnen. Sollte es sich um ein kleines Geschäft handeln, wäre es durchaus in Ordnung dies in ihrer Gegenwart zu erledigen, natürlich sitzend, wir kennen uns ja nun schließlich in und auswendig und warum soll man sich da was vor machen. Danach hätte ich noch genug Zeit, das Kochen des Tees und das Decken des Frühstückstisches zu übernehmen, bis ihr Haar geglättet ist. Dann käme sie mir zu Hilfe.

Ich bin doch kein kleines Kind, verdammt, denke ich und lüge ich müsse groß. Da ich weder einen Schrank noch ein Regal für dieses Zimmer besitze, legt sie ihr heißes Glatteisen auf den Boden, küsst mich auf die Wange und verlässt das Bad. Ich habe eine Dreiviertelstunde, also setze ich mich erst mal, nachdem ich gepinkelt habe. Am Ende ist die Frage, ob klein oder groß weder albern noch abwertend oder gar vollkommen überflüssig. Sie ist entscheidend für meinen Seelenfrieden. Und das mehrmals am Tag.

Vor Ablauf meiner Schonfrist entsorge ich ordentlich Klopapier, um das „große Geschäft“ auch als ein solches zu tarnen. Dann spüle ich und produziere ein paar Geräusche der eingesetzten Klobürste, inklusive Tropfwasser abschütteln indem ich sie vorsichtig aber geräuschvoll an den Klodeckel schlage. In meiner Unachtsamkeit stoße ich mit dem dicken Zeh gegen das heiße Glatteisen und verbrenne mir ein wenig Haut. Ich kühle meinen Fuß sofort unter kaltem Wasser, dessen Geräusch sie ohne Zweifel als ausführliches Händewaschen interpretiert. Ich werfe ihr nicht vor, dass sie ihr glühendes Glatteisen einfach hat rumliegen lassen. Ich würde vermutlich ein Regal anbringen müssen, für ihren Kram und das vermutlich noch während ich groß mache. Möchte ich nicht.

Am Frühstückstisch angekommen und noch eine weitere halbe Stunde gewartet, setzt sie sich endlich dazu. Ihr Haar zeigt starr gen Fussboden wie die Arme eines steif-stolzen NVA-Soldaten. Ob ich denn jedes Mal so verdammt viel Klopapier bräuchte, fragt sie mich. Diese Frage hätte höchstens dann eine Existenzberechtigung, wenn sie nach mir den Topf für sich beansprucht hätte, natürlich weniger als eine Dreiviertelstunde und zu ihrem Entsetzen kein Papier mehr vorgefunden hätte, schlimmer noch, wenn sie von leeren Klorollen umzingelt würde. Doch wir sitzen hier bei Tisch und sind im Begriff zu essen. Der einzige Mensch dem ich so eine Frage jemals habe durchgehen lassen, war meine Mutter. Und auch nur deswegen, weil ich damals ein Dreizehnjähriger auf geheimer Entdeckungsreise war. „Hast du das Glatteisen ausgestöpselt?“ entgegne ich. Was das denn jetzt damit zu tun habe. Ach…ich glaube ich muss schon wieder groß, ich weiß auch nicht. Ja natürlich, diesmal weniger Papier.

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