Zögernd öffnete er die Tür

1. Oktober 2007 § 3 Kommentare

Was war er bloß? Er wusste es nicht. Nirgendwo ein Spiegel, kein Fenster, kein Fernseher, in dessen dunkler Mattscheibe er sich erkennen konnte, kein verchromtes und auf Hochglanz poliertes Aluminiumtischbein, keine Schale mit Wasser – überall nur stumpfe Oberflächen. Wenn er sich heftig drehte, dachte er, wenn er sich nur schnell genug drehte, mit unglaublich viel Kraft würde er soviel Schwung erzeugen, so dermaßen viel, wie der Schwung noch nie seit beginn seiner Existenz erzeugt wurde, auf keinem Platz der Erde, dass er so wahnsinnig schnell würde – nicht der Schwung sondern er – dass er sich selber überholen könnte. Doch er müsste sich im Zaum halten, denn würde er sich tatsächlich überholen, hätte er keine Chance, sein eigenes Gesicht zu sehen, es sei denn, er selbst würde sich einen Blick zu werfen. Aber er wollte sein Vorhaben nicht auf eine zufällige Sichtbegebenheit stützen. Er war ohnehin immer schon ein sturer Geradeausschauer. Sein Plan war, sich hinter sich selber zu platzieren. Seinen eigenen Windschatten zu nutzen und seinen Vordermann dazu zu bringen, sich mal kurz umzudrehen. Aber wie? Vielleicht auf die Schulter klopfen? Die linke zum Beispiel. Würde er auf diesen lahmen Trick hereinfallen? Wenn er sich nur einmal zusammen reißen würde um nicht zu vergessen, dass dies eben kein Trick sei, diesmal eben nicht! Könnte klappen. Vielleicht würde er statt über die linke Schulter einfach über die Rechte sehen. So wie er sich kannte, war ihm das durchaus zu zutrauen. Er war ja schließlich kein Idiot. Er müsste halt etwas schneller reagieren – nach links, oder nach rechts schauen… Nur im Windschatten hat man bei so einer Geschwindigkeit die Möglichkeit auch noch auf so was zu reagieren.

Er drehte sich. Sein linker Fuß zuckte. Um das Ziel seines perfekten Planes möglichst bald zu erreichen drehte er sich langsam schneller. Es war ganz einfach, er ließ sein linkes Bein etwas schneller laufen, als das rechte. Er hatte einen ordentlichen Schub und streckte für noch mehr Schwung seinen rechten Arm aus. Ein ganz fantastisches Gefühl, fand er und machte schneller. Dabei riss er die Gardinen von der Stange und mit seinem linken Fuß, mittlerweile völlig außer Kontrolle, kickte er ungewollt einen übergroßen Stuhl aus reinstem Balsaholz durchs Zimmer und zerschoss eine alte Vase, an die der Stuhl zwar zerschellte, die nach leichtem Wanken aber doch noch zu Boden fiel. Es war ein Boden aus Schiefer. Man konnte sich nicht drin spiegeln. Er erschrak. Dieses Geräusch machte ihm Angst. Was könnte das bloß gewesen sein? Gesehen hatte er nichts. Im rechten Arm hielt er die Gardine, der linke Fuß beruhigte sich, tänzelte noch ein bisschen. Dann atmete er durch. Die Gardine war stickig. Er glaubte, das Geräusch von draußen gehört zu haben. Er ging zur Tür. Zögernd öffnete er die Tür. Er schaute hinaus. Erst links, dann rechts und erst jetzt erkannte er, dass er blind war. “Jeden Tag der gleiche Mist. Mist”, sagte er. Dann drehte er sich um, schloss die Tür, schaltete die Glotze an, sties sich das Schienbein am verchromten und auf Hochglanz polierten Tischbein, nahm einen Schluck Wasser aus seiner Lieblingsschale und tastete sich zum Fenster, um es zu öffnen. Er nahm die Gardine, legte sie aufs Fensterbrett, stütze sich mit den unterarmen auf den weichen Stoff und tat das, was er eigentlich immer tat, um diese Uhrzeit. Er tat, als ob er sehen konnte um den Leuten zu zeigen, dass er nicht blind war, denn jetzt wo es ihm wieder eingefallen ist, war es ihm peinlich. Er drehte seinen Kopf mal nach links, mal nach rechts, und gern auch mal nach unten, zur Straße. Die riesige Wand, die circa vierzig Zentimeter vor seiner Nase prangte verhinderte, das jemals jemand über ihn lachte, wenn er die Leute unten auf der Straße vor seinem Haus begrüßte, denn er lebte bis zu seinem Tode im Souterrain.

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