Schatz, ich habe dich betrogen!

1. Juni 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Es war einmal eine Tageszeitung, die am liebsten ihre ganz persönlichen Wahrheiten verbreitete. Diese Zeitung hatte viele Freunde. Einige ließ sie hin und wieder an ihrem schmutzigen hintern schnuppern. Andere durften sich ständig in ihrem fahlen Gesicht spiegeln, die Fresse aufpoliert wie das kostbar güldene Zigarettenetui einer künstlich bevollbusigten Nichtraucherin. Viele kamen mit ihr ganz groß raus. Politiker schleimten sich ein, Rockstars und jung gebliebene Altmoderatoren feierten Arm in Arm mit ihr ihren Reichtum und ihre meist schon dahin siechende Popularität. Und Tag für Tag legten Millionen von leichtgläubigen Volltrotteln ihre letzten paar Cent auf die Theke, um das manipulierende stück Papier in ihren Tagesablauf einzubauen. Die Zeitung wurde weiter gereicht, sodass niemand die echte Anzahl der Leser zuverlässig ermitteln konnte. Es waren eine Menge Leser. Und egal was in der Zeitung geschrieben stand, die Menschen redeten darüber.

Irgendwann, im tiefsten China, fiel ein Sack Reis um. Es war einer der größten Säcke, die es jemals auf der Erde gegeben hat. Niemand berichtete darüber. Als man den Sack fand, lag er zu geschnürt auf dem Boden. Er hatte überall Löcher und sah schwer misshandelt aus. Tagelang lag er auf dem Feld herum. Aus den kleinen Löchern fiel hin und wieder ein Reiskorn, aus den großen Löchern quoll der Reis heraus, bis nichts mehr heraus quellen konnte. Irgendwann fand ein Mann diesen Sack. Er nahm ihn, und versuchte den Reis, der auf den Boden gefallen war wieder hinein zu bekommen. Er hatte große Mühe damit und schließlich nahm er nur soviel mit, wie es der löchrige Sack ihm erlaubte. Zu Hause angekommen, kochte er den Reis und gab ihn seiner Frau und den zwei Töchtern endlich zu essen. Als die sich nach dem außerordentlichem Mal schlafen legten, packte er ein paar Kleidungsstücke in den leeren Sack und machte sich auf den mühseligen Weg über die Grenze in den Westen. Seine schlafende Frau küsste er zum Abschied und als sie am nächsten Morgen von der übermächtigen Staatsgewalt geweckt wurde, weinte sie vor Glück, denn nun war er in Sicherheit, denn überall war es sicherer als hier. Die Herren der Exekutive nahmen an, sie weine so sehr, weil ihr Mann sie verlassen hatte, also ließen sie sie in Ruhe und belästigten sie nicht weiter.

Als der Mann mit seinem Sack in Europa ankam, fand er Arbeit in Paris. Dort war er Handlanger in einer Speditionswerkstatt und durfte den ganzen Tag Lastwagen waschen. Das Geld, das er verdiente, teile er auf: Einen Teil sparte er, um seine Lieben später zu sich zu holen, einen Teil behielt er für sich, um zu überleben, aber den größten Teil schickte er seiner Familie. Als man ihm sagte, seine Dienste würden nicht mehr benötigt, ging er nach Deutschland und arbeitete dort zunächst als Zeitungsausträger. Danach fand er eine Stelle in einer Putzkolonne putze von nun an große Büroräume. Unter diesen Büros war die Redaktion einer großen deutschen Tageszeitung. Dort setzte er sich irgendwann an einen dieser großen Schreibtische und schrieb seine Geschichte auf, vom Sackfund über seine Flucht bis zur Arbeit in Paris und jetzt in Deutschland, und vor allem, dass er bald seine Familie her holen könne. Er druckte seine Geschichte aus und legte sie auf den größten Schreibtisch von allen, in der Hoffnung, sie würde jemand wichtigem auffallen. Als er zwei Tage später ein Exemplar dieser Zeitung kaufte, fand er folgende Meldungen darin:

  • Chinese lebte zwei Jahre versteckt in Jutesack!
  • Asiate in Frankreich von Fernfahrern missbraucht!
  • Chinesische Familie lebt auf Kosten deutscher Bürger!
  • Französischstämmiger Asiate hackt sich ins Computernetz eine Zeitungsredaktion!

Er nahm die Zeitung und steckte sie in seine Tasche. Dann knüllte er seinen Jutesack zusammen und verbrannte ihn. Seiner Familie schrieb er einen letzten Brief und gestand seiner Frau: „Schatz, ich habe dich betrogen“. Danach war Funkstille. Nach kurzer Zeit arbeitete er in der Redaktion, die er früher Putzte und lebte von seiner Fantasie. Er heiratete eine deutsche Blondine mit falschen Bürsten und betrog sie mit einer anderen, mit noch viel größeren, falscheren Brüsten.

Ein Jahr später, er war inzwischen Chefredakteur und das Blatt erreichte eine nie dagewesene Auflage, bekam er unerwarteten Besuch: Nachdem sich seine Frau und seine Töchter per Prostitution und weiterer ekelhafter Strapazen den Weg nach Deutschland geebnet hatten, ließ er sie, nach der großen Überraschung, sie vor seiner Haustür vor zu finden, in seinem Haus arbeiten. Wenn sie sich ruhig verhielten und keinen Ärger machen würden, versprach er ihnen, sie nicht der Einwanderungsbehörde zu übergeben. Dass ihm das um seiner Selbst willen niemals einfallen würde, war ihnen nicht bewusst. So putzen ihm seine Frau und Töchter das Haus, während er eine Silikonmaus nach der anderen vernascht, und seine Chinesische Frau ausschau hält, nach einem kräftigen Behältniss oder einem Jutesack, in den sie ihren betäubten Ehemann einwickeln, und zurück nach China schicken kann.

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