Arm und verlassen

14. März 2007 § 4 Kommentare

„Der liebe Gott hat mich auf Diät gesetzt, doch wie man sehen kann bin ich dünn genug! Haben sie vielleicht ein paar Cent übrig?“ Bevor man einen Supermarkt betritt, wird einem das Herz gebrochen. Dieser arme Mensch. Nichts zu beißen, kein Dach über´m Kopf und muß um Geld betteln. Da gebe ich doch gern´ ein paar Cent. Vielleicht sogar einen Euro. Vor mir eilt eine Mutter mit ihrer neugierigen Tochter an dem Mann mit der halb ausgestreckten Hand vorbei, er lächelt, sie schämt sich, das Kind fragt den Mann: „Wer bist du denn?“ „Oh mist“ wird sich die Mama denken, „jetzt kriegt sie wahrscheinlich die Krätze“. „Ich bin der Willie und wer bist du“? „Ich bin die Sarah“ und die kleine grinst ganz wunderbar, auch ohne vordere Milchzähne, denn sie ist schon ein großes Mädchen.
Darauf reißt er seine wurstartigen Lippen auseinander und wiehert wie ein alter Gaul, ohne dabei das geringste Geräusch von sich zu geben und die übrig gebliebenen Zähne in seinem Mund erstrahlen in natürlichem Dunkelgelb. Die kleine lacht. Laut und glücklich und mitreißend, und er lacht ebenfalls, der alte Klepper – ein lautes diesmal, und die Mutter hievt kurz ihre Mundwinkel nach oben, ganz kurz nur, es war mir unangenehm. „Hier kleine“, sagt der Mann und streckt seine schmutzige Hand ganz aus, „ich spendier dir ´nen Flug im Hubschrauber.“ Er hält ein geschnorrtes Fünfzig-Cent-Stück zwischen Daumen und Zeigefinger und nickt dabei ganz fürchterlich mit dem Kopf.

Ein kleiner gelber Hubschrauber steht schon seit Jahren in der riesigen Eingangshalle, allerdings habe ich ihn noch nie in Aktion gesehen. Doch wenn er sagt, er funktioniere, dann glaube ich ihm sofort. Und dann sagt er „das Ding funktioniert“, und da glaube ich ihm erst recht. Und die kleine auch, doch ihre Mutter hält sie fest. „Das geht jetzt nicht, Entschuldigung!“ Sie schiebt ihren hochroten Kopf und ihr süßes Kind an dem netten schmutzigen Mann vorbei, als wäre er eine Bedrohung.

„Ich würde gern fahren, aber ich fürchte ich bin zu groß dafür,“ sage ich, als ich an der Reihe bin angebettelt zu werden. „Verpiss dich! Dich hat keiner eingeladen,“ schnauzt er mich an und ich lasse meinen Euro wieder hübsch in die Tasche fallen. War doch nur ´n Scherz. Hab ich vielleicht was falsch gemacht? Der Mann frisst aus Mülltonnen. Hab ich vielleicht seine Gefühle verletzt? „Such dir ´nen Job, du Stinker“, schnauze ich verärgert, doch er ist bereits auf dem Weg zum Hubschrauber, in den er mühelos hineinpasst und startet ihn mit den verschmähten fünfzig Cent. Es sieht etwas albern aus, in seinem Alter, doch das spielt wohl keine Rolle, denn als er den Hebel zu seiner rechten umlegt setzt sich das Spielzeug in Bewegung und lässt ihn schweben.

Ich weiß gar nicht… Fragen habe ich gerad` keine, ich starre und bin erstarrt, und ich Frage mich, ob man aufhören kann zu denken, kurz oder auch mal länger, irgendwie, und schnell vergesse ich diese Frage wieder und so, glaube ich, habe ich keine Fragen mehr. Der Fliegt. Ich wollte nur einkaufen und ihm einen Euro zustecken damit ich mich besser fühle wenn ich meine Einkäufe an ihm vorbei trage, und jetzt fliegt der. Als er über mir ist, spuckt er in meinen offenen Mund, lacht wie ein Böser und ruft noch, als er weiter fliegt: „Such der selber ´nen Job, du arme Wurst“. Und ich stehe da, wie versteinert, und schlucke, während er hinter ein paar dicken Wolken verschwindet.

An mir vorbei rauschen Mutter und Tochter. Das Kind heult, die Mutter brüllt und als die Einkaufstüte reißt, nachdem das Mädchen aus versehen davor getreten hat, kriegt sie ordentlich eine gepfeffert. Danach ist sie sofort still als sie bemerkt, dass der Hubschrauber fehlt. Ihre Mutter kriecht auf allen vieren und sammelt ihre Einkäufe ein und das Mädel, die Tränen aus dem Gesicht wischend, fragt mich: „Wo ist der Hubschrauber?“ „Weggeflogen“, sage ich verstört. Während ihre Mutter sie wegzieht und meckert, „du sollst nicht immer mit fremden reden“, lacht mich die kleine an. „Mundwasser“, denke ich und gehe endlich in den Laden.

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