Unter der Erde

1. November 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

In der Nacht, wir kriechen durch die Erde, kommen wir manchmal heraus. Den Dreck, wie ihr ihn bezeichnet schütteln wir kurz ab, danach sehen wir euch Menschen recht ähnlich. Dann laufen wir durch Parks, durch Innenstädte, über Straßen und Bahnübergänge. Manchmal bleiben wir über der Erde bis die Sonne aufgeht, bis sie wieder untergeht, manchmal sogar länger. Wir halten uns in eurer Nähe auf und suchen ganz speziell auch nach dir. Wir sehen abgerissen aus. Die Kleidung, die wir tragen ist zerschlissen. Es ist nichteinmal unsere. Wir graben uns durch, zu euren Toten und nehmen ihre Kleidung aus den Kisten.

Dann setzen wir uns an den Rand der Straße und warten. Wir sitzen einfach da, betteln euch an und manchmal gebt ihr uns Geld dafür. Die meisten geben nichts, andere schmeißen ein paar Cent auf den Boden, wie sie keinem Hund einen Knochen hinschmeißen würden. Wir warten weiter. Manchmal beklagt ihr euch, wenn wir euch unangenehm aufallen. Wenn wir zu schlecht aussehen, wenn wir stinken oder uns betrunken haben.

Wir leben unter der Erde, ihr lebt hier oben. Ihr seid nicht zu beneiden. Ihr müsst euch dauernd um euch selber kümmern, müsst euch behaupten, müßt heucheln um zu bekommen, was ihr wollt und seid danach nichtmal in der Lage aufrichtig dankbar zu sein. Wir verbringen unsere Zeit damit zu beobachten, wie ihr euch für das geliebte Geld wegschmeißt, um noch mehr davon zu haben, obwohl es vielen von euch schon aus den Taschen quillt. Über Geld kann man immer reden, heißt es bei euch. Doch mit uns macht ihr keine Geschäfte. Ihr glaubt, ihr tut uns was gutes, wenn ihr uns ein paar mickrige Cent in einen alten Hut oder vor unseren nackten Füßen werft.

Wir leben unter der Erde. Wir ernähren uns von der Erde. Da macht Geld keinen Sinn. Wir sitzen da, warten darauf das ihr vorbei lauft und halten unsere Hand hin. Wir wollen nur eure Aufmerksamkeit. Ein nettes lächeln. Ein freundliches Wort. Eine wärmende Hand, die uns zu berühren wagt. Ihr traut euch nicht. Ekelt euch. Beklagt euch immer wieder, dass wir da sind. Wir sind eine andere Art von Mensch. Wir führen ein anderes Leben. Wir frieren öfter als ihr und wir sterben auch früher. Wir sind meistens krank und können uns selber nicht mehr helfen. Wir wollen kein Geld. Wir wollen nur ein wenig, ein ganz klein wenig von euch. Und wir warten auf euch. Während wir da sitzen und unsere Hände aufhalten. Bis jetzt ist niemand gekommen. Die ersten von uns gehen schon wieder unter die Erde, weil sie nicht mehr warten können.

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