„Wissen sie, wenn sie in diesem Aufzug die Straße rauf und runter laufen ist es ja kein Wunder, wenn sie vergewaltigt werden.“ Der alte Rudi wusste eigentlich nicht was er sagen sollte, aber er wollte unbedingt mal mit dem Mädel sprechen, dass mittlerweile schon ein paar Wochen immer wieder die Straße rauf und runter flanierte und die Leute sie eben schon zum großen Thema der Nachbarschaft machten . Er wusste nicht wie man solche Damen anspricht, also versuchte er es mit ein wenig Strenge und gleichzeitig ein wenig Besorgnis in der Stimme. Sam, die sich den Namen vor ein paar Jahren selbst gegeben hatte und unter dem sie nun alle kannten und unter dem sie auch arbeitete, gab sich vorsichtshalber erst mal unbeeindruckt ob dieser halbweisen Theorie. „Du brauchst mich nicht zu vergewaltigen, wenn du dich beeilst mach‘ ich dir `n Sonderpreis.“ Der bald 83jährige Rudolf schmunzelte kurz: „Ich fürchte da ist nicht mehr viel zu machen.“ „Bist du sicher“, Sam ließ ihre rechte Augenbraue langsam tanzen. „Was machst du denn mit Leuten die deine „Ware“ erhalten haben und nicht bezahlen?“ „Hier kommt keiner ran der nicht vorher bezahlt hat.“ Rudi schüttelte den Kopf. „Das ist gefährlich, was du hier machst. Auf dieser Straße soll vor kurzem eine junge Frau vergewaltigt worden sein.“
„Ich weiß, “ sagte Sam. „Während der Typ sich über mich hergemacht hat, hab ich ihm die Brieftasche geklaut. Das war wohl der teuerste fick seines Lebens.“ Rudi zögerte kurz, wurde so blass, das man es selbst im Dunkeln der klaren kalten Nacht erkennen konnte. „Du warst das? Hast du ihn angezeigt?“ „Hast du nicht gehört? Der hat bezahlt. Ich hab seinen Ausweis, seinen ganzen anderen Kram und vor allem sein Geld. Soviel hab ich in so kurzer Zeit noch nie verdient.“ „Der nächste schlägt dir vielleicht den Schädel ein.“ „Dem nächsten schneid ich sein Ding ab. Und dann klau ich ihm sein Geld. Gerechtigkeit ist eben immer da, wo sie mir passiert.“ Sam legte ihre Hand auf das Messer unter ihrer Jacke und spuckte auf die Straße. „Ich ruf die Polizei an. Das musst du anzeigen.“ „Wenn du die Polizei rufst, sag ich denen und deiner Frau was von dem Sonderpreis den du mir schuldig bist, Opa.“ „Ich will dir doch bloß helfen.“ „Wenn du mir Helfen willst dann lass die Hosen runter oder verpiss dich.“ Stille.
„Ich habe eine Enkelin in deinem alter, sie studiert Geografie, “ Rudi wollte unbedingt in ihrer Gesellschaft bleiben und war froh, dass ihm eingefallen ist über seine Enkelin zu reden. Sam sah aus als wollte sie gleich wieder abhauen, aber, dachte er, wenn ein alter Mann stolz über seine Nachkommen redet, geht man nicht einfach weg. „Tolle Geschichte, ich hab nichts studiert. Ich hab nicht mal `n anständigen Schulabschluss. Und MEIN Opa ist übrigens im Knast gestorben. Was sagt uns das? Du bleibst da drüben, mit deiner Enkelin und die zeigt dir wo Usbekistan liegt und ich bleib hier und verdiene mir Geld. Ende!“ Sie hätte einfach verschwinden können doch stattdessen blieb sie stehen und verschränkte die mit Kettchen und Bändern behangenen Arme vor der hochgepuschten Brust. Sie stand da wie ein störrisches Kind. „Sie heißt übrigens Lina, meine Enkelin, “ berichtete Rudi. Sam sah auf den Boden und war sich nicht sicher, ob sie das interessierte. Lina, dachte sie und schaute ihrem Atem hinter her. Ihr war kalt und es sollte bald Schnee geben und das dumme Weihnachten war längst vorbei. „Ich heiß Marita, “ sagte sie als belangloses, nebensächliches. „Nett dich kennen zu lernen, Marita.“ Ihren richtigen Namen hatte sie schon länger nicht mehr gehört. „Ich bin Rudi“, Rudi grinste vorsichtig. Marita schaute ihn an, „Lina ist ein schöner Name. Besser als Marita“.




