U-Bahn fahren ist trübe. Man kann es in den Gesichtern der Leute lesen. Man fährt halt unter der Erde und dort ist es eben dunkel. Und es ist widerlich hell. Und es riecht nach Pisse, je nach Wagon frisch oder getrocknet. Als führe der Geist aus den Seelchen der armen Menschen, steigen sie wie ferngelenkt ein und warten bis es vorbei ist. Jemand hat sich seine Gitarre um den Leib geschnallt und begleitet sich zu “Wish you where here” von Pink Floyd. In den Kurven quietschen die Wagen wie verrückt und übertönen den Gesang und das Geklimper.
Vor mir steht ein schwarzer Mann. Aus seinem riesigen Ghettoblaster flüstert es die ganze Zeit “Ghettofotze”, stört aber soweit keinen – beim Betreten des Zuges hat er das Ding etwas leiser gedreht. Seine Hose ist ihm viel zu groß und gibt freien Einblick auf seine Shorts, doch er scheint sich um ihren Sitz keine Sorgen zu machen. Nach dem geleierten “Wish you where here” kommt immer wieder “Ghettofotze! Ghettofotze!” Weiter hinten im Wagon stehen ein paar schwule Nazis. Mein lieber Freund F zeigt sie mir und nickt. Schwule Nazis, das ist, wenn Nazis Nazis lieben. Ich sehe ein paar kahl rasierte Typen in grünen Bomberjacken, alten Bundeswehrhosen und Springerstiefeln. Sie stehen im Kreis und tuscheln. Ich glaube sogar, dass sie ihre geschmeidigen Schädel aneinander reiben. Sie lassen sich dabei vom Gerüttel der U-Bahn treiben. Sie kümmern sich um niemanden, nur um sich selbst. Vielleicht sind sie auch einfach nur betrunken. “Warum sind das Nazis”, will ich wissen. “Na schau sie dir doch an”, bekomme ich als Antwort. Vielleicht ziehen die sich einfach gern so an! Vielleicht bin ich ja auch etwas zu Naiv für diese Stadt. Deutliche Nazisymbole kann ich bei ihnen bis jetzt noch nicht erkennen. Ich bin nicht oft in Berlin und fragte am Morgen einen Polizisten nach dem Weg. Er sagte “tja mein süßer, da musste deinen hübschen hintern jetze nochma zwei Straßen rückwärts bewegen, dann rechts abbiegen und von da an dann die dritte rechts. Viel Glück, schatz”, gab mir einen leichten Klaps auf den Po und verschwand. Ich sah, dass er eine schwarze Lederhose trug und keine Pistole am Gürtel hatte. Die Dinge sind hier offensichtlich nicht immer wie sie scheinen.
Ab ‘Gleisdreieck’ steigen vier in schwarz gehüllte Gestalten ein und ziehen alle runter. Sie schauen böse, aus ihren Gewändern und machen es furchtbar ungemütlich. Jeder trug sein Haar lang und schwarz und einer war geschminkt wie der andere. Die Haut war blass und die Augenränder waren schwarz nachgezogen. Sie trugen schwarzen Lippenstift und hatten allesamt die gleiche Narbe an der unteren Seite der rechten Wange. Spitze Stiefel ragten unter den Tüchern hervor, die ihre Körper verhüllten und trotzdem oder vielleicht weil ihre Köpfe nach vorn geneigt waren, wirkten sie bedrohlich. Einer stellte sich neben dem Ghettofan und kickte seinen Ghettoblaster aus. “Wish you where here” hörte sofort auf zu singen. Der schwarze wird sauer und fragt nach dem Problem. “Wir hören diesen Dreck nicht”, schleudern ihm zwei von den vier halbverschleierten wie im Chor entgegen. “Ist mir doch scheißegal”, kommt als antwort und ein kräftiger Schups, der einen der Geschminkten fast aus den Stiefeln hebt. Die anderen schnappen sich den Ghettomann und es beginnt ein Gerangel um die Vorherrschaft in dieser versifften Bahn.
Wir halten. Das Gerangel geht weiter. Einige steigen erst gar nicht ein und andere die eigentlich raus müssten, bleiben lieber sitzen. Die Bahn fährt wieder an und das Gerangel wird größeres Handgemenge und schon klatscht es. Der Ghettoblaster geht zu Bruch, ein Finsterling knallt mit seinen Zähnen in die schwarze Faust und ganz plötzlich stehen vor und hinter den Unruhestiftern die schwulen Nazis und greifen zu. Drumherum sitzen und stehen wir anderen wie die Karnickel vor der Schlange und schauen, wie die blassen Typen in den schwarzen Gewändern von den schwulen Nazis an der ‘Kurfürstenstraße’ aus dem Zug gekickt werden. Der schwarze Mann hält mit der einen Hand sein Kinn und mit der anderen den Ghettoblaster und flucht leise vor sich hin. Die schwulen Nazis klopfen ihm im Vorbeigehen wohlwollend auf die Schulter, begeben sich wieder an ihren alten Platz und stecken ihre Köpfe zusammen. Alte Damen fangen an zu tuscheln und schütteln verstört ihre Köpfe. Ich flüstere meinem Freund F zu: “Siehste, doch keine Nazis.” Darauf er: “Wieso nicht? Vielleicht stehen die ja nur auf schwarze Prengel.”




