Wenn deine Welt nicht mehr ausreicht, dann benutz doch einfach...

Rote Pisse

In Krankheiten, Medikamente, Ängste on 6. Februar 2007 at 02:21

Es war noch nicht ganz meine Zeit aufzustehen, doch der Drang meine Blase zu entleeren war stärker als der Drang weiterzuschlafen. Barfuss trottete ich durch die kalte Wohnung über den hübschen Holzfussboden und dann über die ekelhaft kalten, wirklich ekelhaft kalten Fliesen um dann vor dem schneeweissen Klo stehen zu bleiben. Ich klappte Klodeckel und Klobrille langsam hoch, was ich immer tu, und hinterher auch immer wieder herunter. Das innere eines Klo´s finde ich nicht sehr berauschend, auch nicht wenn es leer ist, warum sollte ich dann den blöden Klodeckel hochgeklappt lassen? Dann griff ich in meine Hose während ich mir mit geschlossenen Augen Steve Martin in der Herrentoilette im Film „Solo für zwei“ vorstellte und sagte leise den Satz: „Sie werden das tun müssen.“ Keine Ahnung wie oft ich in meinem Leben schon gepinkelt habe (was für eine Zeitverschwendung darüber nachzudenken) aber es geht mittlerweile Vollautomatisch, so dass ich mir die Pinkelszene mit Lili Tomlin in Steve Martins rechter Körperhälfte mit dem einem geschlossenen Auge weitervorstellen konnte, während das andere Auge halb geöffnet das Ziel grob anvisirte. Dann ließ ich laufen und etwas erstaunte mein halb offenes Auge so sehr, dass das zweite gleich mit aufging (allerdings auch nur bis zur Hälfte) und die beiden Komiker verschwanden: Der Strahl war Orange. Tief Orange. Ganz tief Orange. War es schon rot? Es war rot. Rote Pisse lief aus mir heraus. Es war kein trübes rot. Es leuchtete alarmierend, rote Pisse, verdammt. Es sah mal überhaupt nicht aus wie Pisse. Ich meine, wenn da Blut drin wäre, man würde es immer noch als Pisse anerkennen. Aber das sah eher aus, so tief rot, wie Blut ohne Pisse. Ich träumte auch nicht, das schwöre ich so war ich gerade ein nerviges Buch über den verdammten iPod lese. Eigentlich ist es ja mehr ein Buch über Musik. Von einem englischen Musikjournalisten. Das sagt ja wohl schon alles. Ich lasse mir also sagen, was gute Musik ist. Und nebenbei begehre ich diverse Produkte aus dem Hause Apple immer mehr und mehr. Aber war das jetzt mein Problem? Mein Körper hat offensichtlich meine Blase bei Seite geschoben und meine Harnröhre an meinen Blutkreislauf angeschlossen. Lili Tomlin wäre vor Schreck völlig von selbst aus Steve Martins Körper gehuscht, hätte sein Urin ausgesehen wie Tabascosauce, so sie denn an ihm runtergeschaut hätte. Ich war überascht und auch ein klein wenig beunruhigt, doch ich konnte mir schon beinahe denken woher das kam. Schüttel, schüttel, tropf, tropf und ich steckte den kleinen Mann wieder weg und sah mir das ganze etwas genauer an. Und Gott sein dank, wie Blut sah das nicht aus. Es war ganz gleichmäßig rot, ein hübsches rot sogar und ich hätte es fast fotografiert, doch ich hatte Angst dass mir, unausgeschlafen wie ich war, das Handy ins Klo fallen würde (ich benutze doch nicht meine Digitale Spiegelreflexkamera um meine seltsamen Körperausscheidungen festzuhalten). Also hab ich´s nicht. Aber ich wußte auch nicht, wie Blut im Urin eigentlich aussieht. Ich trottete, ohne mir die Hände zu waschen in meine Küche und suchte nach der kleinen Verpackung, die ich gestern einfach auf dem Tisch hab liegenlassen. Zwei große rote Pillen aus dem Schächtelchen warf ich mir am vorrigen Abend ein, die ersten beiden von insgesamt acht, die heute und morgen noch folgen sollten. Profilaktisch. Rifampicin stand auf der Schachtel. Tötet den Erreger oder sowas, den ich mir möglicherweise eingefangen haben könnte. Mein guter Freund Georg lag frisch im Krankenhaus und wurde intensiv betreut, sein Leben zu retten. Ich war zu Hause an meinem Küchentisch und laß, dass die Einnahme des Medikaments Auswirkungen auf die Farbe von Körperflüssigkeiten wie zum Beispiel Tränen oder Urin hat. In ein paar Tagen, dachte ich, wenn er von der Intensivstation herunter ist und ich ihn besuche erzähle ich ihm von meiner roten Pisse und wir lachen uns schlapp.

Eine Hirnhautenzündung auszukurieren ist nicht ganz so einfach, das mußte Georg nun auch einsehen. Und er hat immer noch Schwierigkeiten, dass gewisse Dinge einfach noch ein wenig Zeit brauchen. Zeit, in der man sich sonst auch nur mit hochgeklappten Klodeckeln beschäftigen würde, mit klugscheißerischen Büchern, lustigen Filmen, teuflischen Geldmaschinen die einen Einwickeln wollen in ihre Produkte und vielleicht sogar mit der Frage, welche Farbe deine Pisse heute wieder hat. Meine Pisse war rot und ich wußte nicht das ein einfacher Klobesuch so amüsant sein kann. Georg hat darüber gelacht. Ein bißchen leiser als vorher, bevor man ihn mit dem Krankenwagen unter hohem Fieber und starken Schmerzen abholen mußte weil er partout nicht ins Krankenhaus wollte und es vorzog mehrere Tage stramm in seinem eigenen Bett zu liegen und zu leiden ohne zu wissen was los war. Aber er hat gelacht. Er wird wahrscheinlich auch noch öfter über mich lachen.

  1. Du solltest für den Fall zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten unbedingt einige aufheben für einen sehr beeindruckenden Schachzug: Stell’ dir nur den Effekt vor, du wirst der Untreue bezichtigt, beteuerst deine Unschuld und untermauerst deine Aussage mit blutigen Tränen … Ein starker Auftritt!

  2. Ich habe noch zwei in Reserve. Aber sobald der nächste Schnee kommt (wann auch immer das sein mag), werde ich ihn mit den hübschen roten Lettern meines Namens verzieren.

  3. Hoffentlich hast du dann deine Kamera am Mann …

  4. Hauptsache du fühlst dich nicht gleich wie Wohltäter beim Malen deines Namens nur weil Apple auch einen roten charity iPod verkauft…
    Wobei Steve Jobs eigentlich die Idee dazu gekommen ist? Ich glaub ich geh mal aufs Klo und denk mal drüber nach. Überhaupt, ist euch schonmal aufgefallen, dass man dort prima nachdenken kann? Beim Lernen vor Prüfungen würde ich es mir wünschen, den ganzen Tag aufs Klo gehen zu müssen…
    merc

  5. Wünsch Dir das lieber nicht, so schön ist das nicht. Denn das Problem hatte ich schon oft.